Wie Sucht entsteht – Wenn das Belohnungszentrum den Präfrontalen Cortex dominiert

 

Stellen Sie sich vor, Sie sind zuhause und lesen gerade diesen Text. Plötzlich klingelt es an der Tür. Was machen Sie? Es ist naheliegend, dass Sie zur Tür gehen und sie öffnen, um zu sehen, wer Sie besuchen möchte. Aber der entscheidende Punkt ist: Sie müssen es nicht tun. Vielleicht denken Sie sich: „Lass´ es klingeln“ und lesen weiter ohne sich zu erheben. Die Entscheidung, ob Sie auf einen Umweltreiz hin (Klingeln an der Tür) Ihre aktuelle Handlung unterbrechen oder nicht, stellt aus neurologischer Perspektive eine spannende Frage dar. Denn tatsächlich beweist diese Entscheidungsfreiheit, dass es so etwas wie einen „freien Willen“ gibt. Die autonome Entscheidung, auf einen Außenreiz zu reagieren oder nicht, verdanken wir dem komplexen Zusammenspiel verschiedener Gehirnbereiche. Und genau dieses Zusammenspiel ist  beeinträchtigt, wenn man dauerhaft keinen „festen Willen“, keine Willensstärke hat. Das Paradebeispiel ist Suchtverhalten, bei dem es den Betroffenen nicht mehr gelingt, bestimmte Reize zu ignorieren, die versprechen, den Suchtdruck zu nehmen und Glücksgefühle zu bereiten: der Raucher greift zur Zigarette, wenn er sie sieht, der Alkoholiker zum Glas. Aber warum ist das so? Warum haben sich einige Menschen besser unter Kontrolle als andere? Wie entsteht Suchtverhalten?

Eine entscheidende Rolle spielt das Belohnungssystem in Kombination mit dem so genannten „Präfrontalen Cortex“. Als den „Präfrontalen Cortex“ (PFC) bezeichnet man die Gehirnregion, die sich im vorderen Schädelbereich direkt hinter unserer Stirn erstreckt. Heutzutage weiß man, dass er sehr wichtige, wenn auch nicht überlebenswichtige Funktionen hat. Welche wichtige Rolle das Frontalhirn spielt, erkannte man unter anderem bei Phineas Cage:

Cage war 25 Jahre alt und ein besonnener Typ als es geschah. Er arbeitete als Vorarbeiter beim Eisenbahnbau in Vermont. Das war im Jahr 1848. An einem Tag, dem 13. September, passierte etwas Schreckliches: Bei einer Sprengung durchbohrte eine Eisenstange seinen Schädel. Die Stange stach von der linken Augenhöhle tief in sein Gehirn, quer durch den Schädel. Die Eisenstange prallte dabei mit so großer Wucht auf, dass sie wieder aus dem Schädel austrat und eine riesige klaffende Wunde hinterließ. Der Wundkanal war etwa drei Zentimeter breit. Cage überlebte wie durch ein Wunder. Mehr noch: bis auf den Verlust seines linken Auges waren zunächst keine schwerwiegenden Beeinträchtigungen bemerkbar. Cage konnte sich normal bewegen, er sprechen, wusste, wer er war. Allerdings zeigten sich Veränderungen in seiner Persönlichkeit. Der vormals ausgeglichene und umgängliche junge Mann wurde jähzornig, impulsiv und unkonzentriert. Und er hatte plötzlich Schwierigkeiten, vorausschauend zu handeln. Durch diese Symptomatik der „Frontalhirnläsion“ konnte man ableiten, welche Hirnfunktionen in diesem Bereich verortet sind. Mittlerweile weiß man, dass der PFC der Sitz unserer Handlungsplanung und Impulskontrolle ist.

Menschen mit Frontalhirnsyndrom, also einer Schädigung in diesem Bereich, werden impulsiv, , können sich schlecht auf eine Aufgabe konzentrieren und haben Probleme, komplexere Handlungen zu planen. Kurz gesagt: Frontalhirnschädigungen können zu einer Beeinträchtigung der „exekutiven Funktionen“ führen. Hierunter werden kognitive Prozesse wie Problemlösen, Planen, Entscheiden, sowie Initiation und Inhibition von Handlungen verstanden. Den Betroffenen fallen Überwachungsfunktionen schwer, die allgemeine Intelligenz im Sinne von Wissen ist aber nicht beeinträchtigt, ebenfalls nicht das Erinnern wie im Fall von Demenzerkrankungen. Läsionen des PFC lassen grundlegende sensorische und motorische Funktionen und Routinehandlungen weitgehend intakt.

Zahlreiche neuere Untersuchungen mit sensitiveren neuropsychologischen Tests belegen die zentrale Bedeutung des PFC für kognitive Planungs- und Kontrollfunktionen und wie sich diese in einzelnen Gehirnaralen zentrieren. Zudem konnte man feststellen, dass es eine Verknüpfung zwischen dem PFC und dem Belohnungssystem gibt. Als Kontrollinstanz unterdrückt der PFC Handlungsimpulse, die von Neuronen im Belohnungszentrum ausgehen.

Das Gehirn lernt bei Suchtverhalten, bestimmte Dinge mit angenehmen Gefühlen zu assoziieren. Untersuchungen im fMRT zeigen, dass Süchtige besonders stark auf Reize reagieren, die mit ihrer Sucht in Verbindung stehen und für sie die Bedeutung einer „Belohnung“ erlangt haben.

Alle Menschen suchen angenehme Gefühle, Freude, Belohnung. Belohnung kann das Glas Wein am Abend sein oder das Ausleben sexueller Neigungen. Belohnen wir uns, wird im Gehirn Dopamin ausgeschüttet, das für Glücksgefühle sorgt. Durch wiederholtes Verhalten lernt unser Belohnungszentrum mit der Zeit auf Reize, die mit Belohnung assoziiert sind, besonders schnell „anzuspringen“. Im fMRT kann man entsprechende neuronale Aktivität sehen, wenn zum Beispiel der Alkoholiker Bilder von Wein oder Bier sieht.

Eine wichtige Aufgabe des PFC ist es in solchen Momenten inhibitorische, also hemmende, Prozesse in Gang zu setzen. Dadurch ist dafür gesorgt, dass man auf Umweltreize hin nicht automatisch und zwanghaft reagiert, also zum Beispiel nicht automatisch beim Klingeln der Tür zu dieser hinrennt oder das Glas Bier austrinkt, sobald man es sieht. Der Verlust dieser Handlungskontrolle ist das, was wir „Suchtverhalten“ nennen.

Lernerfahrungen im Sinne von Belohnungen können die Kontrolle des PFC mit der Zeit heruntersetzten. Sein Kontrollsystem ist dann hypoaktiv. Sprich´ bei Triggerreizen werden weniger hemmende Prozesse ausgelöst, und es fällt den Betroffenen immer schwerer, Handlungsimpulse zu unterdrücken, also beispielsweise nicht zum Alkohol zu greifen, sobald dieser verfügbar ist.

Dopamin sorgt für Glücksgefühle und wird bei Bedürfnisbefriedigung ausgeschüttet. Je häufiger man also „schwach“ wird, desto eher wird ein Verhalten zur Gewohnheit und umso schwächer wird die Kontrollfunktion des PFC. Mit der Zeit kann eine Sucht entstehen. Zur Prävention ist es wichtig, das eigene Verhalten zu beobachten und kritische Momente, in denen man „schwach“ werden könnte, notfalls systematisch zu meiden.


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